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Literaturkritik

Unter Literaturkritik versteht man die informierende, interpretierende und wertende Besprechung von literarischen Neuerscheinungen? aus den Bereichen Sachbuch und Belletristik. In Deutschland unterscheidet man zwischen journalistisch-feuilletonistischer? Literaturkritik und akademisch-institutioneller Literaturwissenschaft. In England, Frankreich und den USA kennt man diese Unterscheidung nicht.

Definition

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Der Begriff "Kritik" kommt vom griechischen kritiké techné = Kunst der Beurteilung, und damit vom Verb krinein - unterscheiden (die Krise ist der Moment der Unterscheidung und damit der Entscheidung).

Unter der Literaturkritik, so wie sie heute in Deutschland in den Massenmedien üblich ist, versteht man die Besprechung von literarischen Neuerscheinungen? aus den Segmenten Sachbuch und Belletristik?. Die Besprechung soll über das jeweilige Buch informieren, es interpretieren und vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Literatur positiv oder negativ bewerten. Vorrangige Aufgabe der Literaturkritik ist es dabei, zwischen Autor und Publikum zu vermitteln.

Im Idealfall beschreibt eine Kritik die Struktur? und den Stil des jeweiligen Buches und ordnet es einer Gattung zu. Sie arbeitet seine Aussage, die impliziten und expliziten Werte und das Verhältnis zur Wirklichkeit heraus. Anhand dieser Kriterien macht eine Kritik die Stärken und Schwächen eines Buches deutlich. Um das zu leisten, müssen Literaturkritiker nicht nur sehr belesen sein, sondern auch einfühlsam und offen für Neues und ihnen Fremdes. Sie müssen ihren eigenen Eindruck gut begründen und kritisch hinterfragen sowie von eigenen politischen, ethischen und weltanschaulichen Überzeugungen absehen können. Trotz der darin liegenden Objektivität vermittelt eine gelungene Literaturkritik immer auch einen subjektiven Eindruck, sprich: Die besten Kritiken sind mit etwas Herzblut geschrieben.

Anders als in England, Frankreich und den USA unterscheidet man in Deutschland streng zwischen der journalistisch-feuilletonistischen? Literaturkritik und der akademisch-institutionellen Literaturwissenschaft. Zwischen beiden Bereichen bestehen zahlreiche Gegensätze, die das Ergebnis historischer Prozesse sind und trotz vielfältiger Bemühungen bis heute nicht überbrückt werden konnten.

Ein anderes Wort für die feuilletonistische Literaturkritik lautet Rezension, vom lateinischen recensio = Musterung. Der Literaturkritiker heißt dementsprechend auch Rezensent. Das Buch, das er für seine Besprechung kostenlos vom Verlag erhält, nennt sich Rezensionsexemplar.

Eine Anleitung zum Schreiben vom Rezensionen für das Bücher-Wiki steht hier.

Foto: Wikipedia.org

Entstehung

Die Ursprünge der modernen Literaturkritik liegen in der Zeit der Aufklärung? im 18. Jahrhundert. Natürlich gab es aber auch schon in der Zeit davor Kritik an literarischen Werken? und ihren Autoren – wenn auch in gänzlich anderer Form als heute. Im antiken Rom gab es den criticus (Richter der Literatur) und den grammaticus (Kenner der Literatur). Die verbindlichen Bewertungskriterien stammten aus der antiken Rhetorik? und Poetik, die fast ausnahmslos Formfragen zum Gegenstand hatten.

Im Mittelalter? kritisierten G. v. Straßburg? („Tristan“, um 1210) und R. v. Ems? („Alexanderlied“, um 1245) in ihren eigenen Werken? andere Dichter und deren Bücher oder reagierten in ihren Werken bereits auf zu erwartende Einwände gegen diese. Von diesen beiden prominenten Autoren abgesehen, sind jedoch nur wenige schriftliche Quellen? zur Literaturkritik im hohen und späten Mittelalter bekannt.

Polemische Attacken

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In Renaissance? und Barock? herrschte weiter die aus dem Mittelalter? bekannte Verbindung von literarischem Werk? und Literaturkritik vor. Vor allem im Barock? kam es dabei oft zu heftigen polemischen? Attacken, die zumeist in einer speziellen Vorrede? (C. H. Hoffmannswaldau?) veröffentlicht wurden, aber auch in Form von Epigramm? (F. von Logau), Satire (F. von Canitz?) und Travestie? (J. Lauremberg?) auftraten.

Daneben gab es eine Vielzahl so genannter Poetiken, in denen – oft sehr widersprüchliche – Regeln hinsichtlich eines vorbildlichen literarischen Stils und Geschmacks aufgestellt wurden. Eine besonders bekannte und einflussreiche Poetik aus dieser Zeit ist der von J. C. Scaliger? verfasste „Hypercriticus“, der bereits Anfang des 16. Jahrhunderts in mehreren Büchern erschienen war.

Foto: Ginover / www.pixelio.de

Beginn der moderner Literaturkritik

Die Geburt der modernen Literaturkritik liegt in der Zeit der Aufklärung? im 18. Jahrhundert. Dort kam es im Gefolge von J. C. Gottscheds? literaturkritischen Schriften („Versuch einer Critischen Dichtkunst“, 1730), später vor allem auch im Widerspruch zu seiner von vielen zeitgenössischen Lesern als prätentiös und wertestarr empfundenen „Geschmacksdiktatur“, zu einer Auffächerung und Spezialisierung im Literaturbetrieb.

Von großer Bedeutung war dabei der Berliner Literatenkreis um den Verleger F. Nicolai?, dem unter anderem G. E. Lessing, M. Mendelssohn? und J. G. Sulzer? angehörten. Ihre stark vom Rationalismus der Aufklärung? beeinflusste Literaturkritik erschien hauptsächlich in den literarischen Zeitschriften? „Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste“ (seit 1757), „Briefe, die neuste Literatur betreffend“ (seit 1759) und „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ (seit 1765).

Lessing – der größte Kritiker seiner Zeit

In den folgenden Jahren entwickelten sich verschiedene Gegenbewegungen zum Rationalismus der Aufklärung? und führten zu einem noch nie dagewesenen Pluralismus der Meinungen und Bewertungskriterien innerhalb der Literaturkritik. Nicht selten gipfelten die Auseinandersetzungen in einem von allen Beteiligten erbittert geführten Literaturstreit, dem viele maliziöse Polemiken?, Satiren und Epigramme? ihre Entstehung verdanken.

Der größte Kritiker dieser Zeit war G. E. Lessing („Hamburgische Dramaturgie“, 1767/1769), der den Gegensatz zwischen Rationalismus und beginnendem Irrationalismus aufzulösen versuchte. Die Literaturkritik in der Weimarer Klassik? ist vor dem Hintergrund dieses Strebens nach Harmonie zu sehen. Die beiden verbindlichen Bewertungskriterien in der Klassik waren: Kunst und Humanität.

19. Jahrhundert bis heute

Allgemeines

Die Entwicklung der Literaturkritik im 19. Jahrhundert (Alphabetisierung?, expandierender Buchmarkt, zunehmende wirtschaftliche Interessen) führte zu einer Aufspaltung des Literaturbetriebs in journalistisch-feuilletonistische? Literaturkritik und akademisch-institutionelle Literaturwissenschaft. Dieser Gegensatz besteht bis heute.

Im Vergleich zur theoretisch ausgerichteten Literaturwissenschaft, die institutionell an die Universitäten gebunden ist, richtet sich die Literaturkritik über Zeitschriften?, Hörfunk, Fernsehen und Internet? an ein breites Publikum?. Die Literaturwissenschaft betrachtet die literarischen Werke? aus größerer zeitlicher Distanz, während die Literaturkritik zum Teil tagesaktuell reagiert. Die Literaturwissenschaft verwendet eine Fachsprache, wohingegen die Literaturkritik ihre Sprache dem Medium und dem Adressatenkreis anpasst.

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Die Funktion der modernen Literaturkritik besteht hauptsächlich darin, dass sie den potentiellen Leser über die nahezu unübersehbare Zahl der Neuerscheinungen? informiert. Sie bietet zudem eine praktische Entscheidungshilfe zum Kauf, indem sie die Stärken und Schwächen eines literarischen Werks? benennt und auf eventuell erforderliche Lektürekenntnisse hinweist. Dass die Tendenz der Literaturkritik über den Erfolg oder Misserfolg eines literarischen Erzeugnisses auf dem Buchmarkt entscheidet, stimmt heute so nicht mehr - mit Ausnahme sehr populärer Fernsehkritiker wie Elke Heidenreich haben Rezensenten diesen Einfluss an die Buchpreise abgegeben. Trotzdem sollte der Literaturkritiker im Idealfall ein doppeltes Verantwortungsbewusstsein haben: das gegenüber dem Leser und das gegenüber dem Autor.

Foto: www.pixelio.de

Dienstleister oder Künstler

Dass ein Literaturkritiker sich trotz seiner Dienstleistungsfunktion für den Leser doch auch als Künstler sehen kann, bestätigte der Musik- und Literaturkritiker Joachim Kaiser? im Jahr 2008 gegenüber der dpa. Kritik, so Kaiser halte er für "eine eigene künstlerische Anstrengung". Ohne diese wäre sie "nur eine blöde Bestandsaufnahme". "Wenn ein Werk viele Dimensionen hat, mit Verzweiflung, Glück und Hoffnung, dann muss die Kritik darauf auch ein bisschen künstlerisch antworten." Und: Auch wenn er mit seinen Kritiken niemanden verletzen wolle, könne übermäßige Vorsicht doch auch langweilig wirken.

Kritik oder Service

Wie sehr die Literaturkritik im Spannungsfeld von literarischem Anspruch und Wirtschaftlichkeit steht, zeigt sich an dem Konflikt zwischen der Kritikerin Sigrid Löffler, einst Herausgeberin der Zeitschrift "Literaturen", und dem Friedrich Berlin Verlag, in dem die Zeitschrift erscheint. Löffler verließ das Blatt Ende 2008, nachdem sie der Geschäftsführung eine geplante "Boulevardisierung" vorgeworfen hatte. Sie selbst wolle nicht nur den Mainstream begleiten. Ein Service-Magazin könne den Lesern keine Orientierung vermitteln.

Professionalisierung

Ausgehend vom Jungen Deutschland (H. Heine, L. Börne?), kam es zu einer fortschreitenden Politisierung der Literaturkritik, die ihren traurigen Höhepunkt in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts erreichte. Der Literaturkritik im Nationalsozialismus (A. Bartels?) und Kommunismus ging es nicht mehr um ästhetische und literarische Bewertungen, sondern um ideologische Linientreue. Eine Entwicklung, die sich in der DDR (J. Mittenzwei?) - wenn auch deutlich abgeschwächt - fortsetzte.

Zu den bekanntesten und einflussreichsten Literaturkritikern des 19. Jahrhunderts gehörten G. Keller, T. Fontane und H. von Hofmannsthal?. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat neben den Dichter, der nebenbei Literaturkritiken verfasste, der professionelle Rezensent, unter dessen Einfluss sich die Literaturkritik laut A. Kerr zur vierten literarischen Gattung neben Epik, Lyrik und Dramatik? entwickelte. A. Kerrs Aussage illustriert auf pointierte Weise die Tatsache, dass der professionelle Literaturkritiker durch seine exponierte Position in den Massenmedien einen erheblichen Machtzuwachs verzeichnen konnte. Zu den populärsten Buchrezensenten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählten K. Tucholsky, K. Edschmid?, K. Kraus? und A. Polgar.

Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki

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Diese Entwicklung, die den berufsmäßigen Literaturkritiker – neben einigen außerliterarischen Faktoren wie Werbung und Leserbindung – zum Richter über Erfolg und Misserfolg eines Buchtitels gemacht hat, hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezogen auf das Fernsehen fortgesetzt. Zu den bekanntesten und einflussreichsten Kritikern in der Gegenwart, die aufgrund ihrer Fernsehpräsenz ein Millionenpublikum erreichen, zählen Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki. Der Einfluss des gedruckten Feuilletons auf den Buchmarkt wird jedoch weniger hoch eingeschätzt.

Sekundärliteratur

  • Albrecht, Wolfgang: Literaturkritik. Metzler Verlag, Stuttgart 2001, ISBN: 978-3476103383
  • Anz, Thomas / Baasner, Rainer: Literaturkritik. Geschichte - Theorie - Praxis. C.H. Beck Verlag, München 2007, ISBN: 978-3406510953
  • Porombka, Stephan: Kritiken schreiben. Ein Trainingsbuch. UTB, Stuttgart 2006, ISBN: 978-3825227760
  • Schalkowski, Edmund: Rezension und Kritik. UVK Verlag, Konstanz 2005, ISBN: 978-3896693419


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