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Expressionismus

Der Expressionismus ist eine literarische Aufbruchsbewegung in Deutschland in der Zeit von 1910 bis 1920. Die expressionistischen Autoren standen in Opposition zu vorangegangenen Strömungen wie Naturalismus, Impressionismus? und Symbolismus. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten Gottfried Benn?, Georg Trakl?, Alfred Döblin und Else Lasker-Schüler.

Definition

Expressionismus (lat. expressio = Ausdruck) ist ein zunächst von der bildenden Kunst geprägter, dann von der Musik und vor allem von der Literatur übernommener Sammelbegriff für eine neuartige Ausdruckskunst, die etwa zwischen 1910 und 1920 die deutschsprachige Literatur bestimmt hat. Die Autoren des Expressionismus standen in radikaler Opposition zu vorangegangenen Strömungen wie Naturalismus, Impressionismus?, Jugendstil?, Neuromantik? und Symbolismus. Der Expressionismus wurde Anfang der 1920er Jahre von der Neuen Sachlichkeit abgelöst.

Die Expressionisten verstanden sich als Repräsentanten eines neuen Lebensgefühls: Sie führten ein „rasendes“, unstetes Leben und waren immer auf der Suche nach Rausch, Aktivität und Überschwang des Gefühls. Sie protestierten gegen bürgerliche Autoritäten, gegen die Mechanisierung des Lebens und gegen die Bedrohung des Geistes durch die Uniformität des Denkens. Aus diesem Protest heraus entwarf ein großer Teil der Expressionisten Bilder eines neuen Menschen und eines neuen, gereinigten Zeitalters, das ganz im Zeichen der Individualität und der geistigen Revolution stehen sollte.

Die größten Leistungen erbrachten die Expressionisten in der Lyrik und im Drama, weniger in der Prosa. Die bedeutendsten expressionistischen Lyriker waren Gottfried Benn?, Georg Trakl?, Georg Heym?, Else Lasker-Schüler und August Stramm. Vorherrschende Themen waren Verkümmerung des Menschen, Dämonie der Großstadt, Trauer und Schwermut. Die bedeutendsten expressionistischen Dramatiker? waren Georg Kaiser?, Ernst Toller?, Carl Sternheim? und Walter Hasenclever?. Bestimmende Themen waren Gesellschaftskritik, Rebellion gegen Familie und Staat.

Entstehung

Der Begriff Expressionismus tauchte erstmals 1901 als Titel eines Bilderzyklus von Julien-Auguste Hervé auf. In der Folge wurde der Begriff ausschließlich auf die moderne Malerei angewandt, die mit ungewohnten, provozierenden Formen und Farben arbeitete und sich vom nachahmenden Stil des Naturalismus und Impressionismus? abgrenzte. Die Offenbarung innerer Erlebnisse trat an die Stelle der Abbildung äußerer Erscheinungen, wie z. B. in den Gemälden Edvard Munchs und van Goghs.

Der Dichter Kurt Hiller? übertrug den Begriff auf die Literatur. Hillers Expressionismus-Begriff war zunächst noch auf die „jüngst-berliner“-Literatur begrenzt, verbreitete sich jedoch rasch und wurde zum populären Synonym? für modern. Interessant ist, dass die damaligen Autoren den Begriff Expressionismus sehr unterschiedlich definiert und oft für sich selbst nicht akzeptiert haben. Daneben kursierten andere Bezeichnungen wie z. B. Futuristen, Abstrakte und Neopathetiker, diese Bezeichnungen setzten sich jedoch nicht durch.

Entwicklung

Die Entwicklung des literarischen Expressionismus kann in zwei Phasen unterteilt werden. Die erste Phase von 1910 bis 1914/1915 war von der Lyrik und der Prosa geprägt, die zweite Phase von 1914/1915 bis 1920 vom Drama. Die Expressionisten litten unter der Sinnlosigkeit des modernen Lebens und führten Nietzsches Zivilisationskritik („Also sprach Zarathustra“, 1883-1885) mit Verve fort. Sie verwarfen Realismus, Logik, Kausalität und das gesamte positivistische Weltbild des 19. Jahrhunderts. Der Protest gegen die Welt der Väter ging so weit, dass viele Expressionisten den Ersten Weltkrieg als Aufbruch in eine bessere Zukunft begrüßten.

Von großer Bedeutung für die Sprache des Expressionismus waren die Manifeste? des italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti?, die in Herwarth Waldens? Zeitschrift „Sturm?“ veröffentlicht wurden. Marinetti? forderte die Zerstörung der konventionellen Sprache und die Überwindung der Psychologie, er trat ein für Vereinfachung und Konzentration der Sprache, Beschränkung auf Substantiv? und Infinitiv?, Wortreihungen? und Simultanstil?. Ältere Vorbilder der Expressionisten waren Walt Whitman?, Baudelaire? und Verlaine?.

Lyrik

Zu den bedeutendsten expressionistischen Lyrikern gehörten Gottfried Benn? („Morgue“, 1912), Johannes R. Becher? („Verfall und Triumph“, 1914), Georg Trakl? („Gedichte“, 1913), Georg Heym? („Der ewige Tag“, 1911), Else Lasker-Schüler („Hebräische Balladen“, 1913), Alfred Lichtenstein („Die Dämmerung“, 1913) und August Stramm („Tropfblut“, 1919 postum). Die bekannteste Anthologie? expressionistischer Lyrik ist der 1919 von Kurt Pinthus? herausgegebene Band „Menschheitsdämmerung“.

Prosa

Die Prosa des Expressionismus ist vor allem durch Erzählungen, Skizzen und Kleinformen? gekennzeichnet. Wichtige Prosaautoren sind Alfred Döblin („Die Ermordung einer Butterblume“, 1911), Albert Ehrenstein? („Tubutsch“, 1911), Georg Heym? („Der Dieb“, 1913) und Kasimir Edschmid? („Timur“, 1916). Die einzigen beiden Romane, die dem Expressionismus zugerechnet werden, sind Döblins „Die drei Sprünge des Wang-lun“ (1915) und „Wallenstein“ (1920). Der bedeutendste Sammelband? expressionistischer Prosa ist „Flut. Die Anthologie der jüngsten Belletristik“ (1912), herausgegeben von Hermann Meister?.

Drama

Die zweite Phase des Expressionismus von 1914/1915 bis 1920 war vom Drama geprägt. Bedeutende Dramatiker waren Georg Kaiser? („Gas I“, 1918), Carl Sternheim? („Aus dem bürgerlichen Heldenleben“, 1911-1916), Ernst Toller? („Die Wandlung“, 1919) und Walter Hasenclever? („Die Menschen“, 1918). Das Bühnenbild war meist abstrakt, die Schauspieler trugen zeitlose Kostüme und die Figuren traten auf als Träger von Ideen. Viele Stücke waren so genannte Stationen-Dramen?.

Beurteilung

Bis heute ist die Literaturwissenschaft sich uneins in der Beurteilung des Expressionismus. Auf der einen Seite wird der Beitrag, den der Expressionismus zur deutschsprachigen Literatur der Moderne? geleistet hat, voll anerkannt; auf der anderen Seite steht der Expressionismus noch immer im Verdacht, vor und nach 1933 mit dem Nationalsozialismus paktiert zu haben - einige Autoren, die bis 1920 den Expressionismus mitgeprägt haben, haben sich nach 1933 den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt, am bekanntesten ist wohl der Fall Gottfried Benn. Unbestritten ist, dass der Expressionismus Teil einer sich in ganz Europa herausbildenden künstlerischen Aufbruchsbewegung gewesen ist, die in anderen Ländern unter den Bezeichnungen Futurismus (Italien) und Surrealismus (Frankreich) bekannt wurde.

Literatur

  • Bücher von Expressionisten und über den Expressionismus bei Jokers
  • Benn, Gottfried: Gedichte. Reclam Verlag, Ditzingen 2000, ISBN: 978-3150084809
  • Döblin, Alfred: Die Ermordung einer Butterblume. Dtv, München 2004, ISBN: 978-3423131995
  • Kaiser, Georg: Gas. Zwei Schauspiele. Ullstein Verlag, Berlin 1996, ISBN: 978-3548238982

Sekundärliteratur

  • Anz, Thomas: Literatur des Expressionismus. Metzler Verlag, Stuttgart 2002, ISBN: 978-3476103291
  • Best, Otto F.: Theorie des Expressionismus. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150098172
  • Große, Wilhelm: Expressionismus. Literaturwissen für Schüler. Reclam Verlag, Ditzingen 2007, ISBN: 978-3150152294


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